Wann haben Sie das letzte Mal jemanden „ins Gebet genommen“? Zum Beispiel so: „Marvin, jetzt hab ich dich zum dritten Mal erwischt! Damit muss Schluss sein…!“ oder: „Kollege, ich wiederhole mich nur ungern, aber wenn das nicht umgehend funktioniert, müssen Sie die Konsequenzen tragen...!“
Jemanden ins Gebet nehmen – das klingt nach Gardinenpredigt. Da fordert jemand Rechenschaft! Macht Druck. Da wird einer an die Kandare genommen, die Zügel werden angezogen.
Und tatsächlich: die Redewendung „ins Gebet nehmen“ stammt aus einer Zeit, als Pferde noch das gängige Verkehrsmittel waren. Das Gebett – also das Gebet mit Doppel-„t“ - ist das Gebiss des Pferdes. Die Kandare als Knebel ins Gebett legen, das diente dazu, das Pferd zu bändigen, es gefügig zu machen.
Jemanden ins Gebett nehmen, das ist dann ein bisschen wie Rodeo. Einer oben – der das Tier bezwingen will. Der Reiter, der Chef, der weiß, wo’s langgeht. Und der andere ist nur der Gaul, der auf Linie gebracht werden muss. Der eine oben hat das Sagen - und der andere unten hat zu galoppieren.
Inzwischen hat sich viel verändert. Reiten ist aus dem alltäglichen Leben ausgewandert und eher ein schönes Hobby geworden.
Und Beten, so hat es fast den Anschein, auch.
Dabei wäre das doch mal was: Jemanden wirklich ins Gebet nehmen, aber ohne Knebel, ohne Fremdbestimmung, sondern ganz frei: Einfach für jemanden beten. Nicht, um ihn zu beeinflussen, sondern um ihm was Gutes zu tun. Ihn zu unterstützen.
Kann ich einfach mal ausprobieren.
Die Bibel ist voll von Geschichten, die erzählen, dass es klappt. Gott ist nicht beleidigt, wenn ich ihm in den Ohren liege und für einen anderen Menschen bitte, sondern ganz im Gegenteil.
Und: Vielleicht gibt es ja heute jemanden, der Sie ins Gebet nimmt und gerade liebevoll an sie denkt.