Ein Tisch mit einem Kaffeetassenabdruck und einer braunen Kaffeefleckenformation. Darauf liegen mehrere weiße Blätter, die durch die Kaffeeflecken unordentlich erscheinen. Der Kaffee in der Tasse hat ein kunstvolles Muster auf der Oberfläche.
23.03
2026
06:50
Uhr

Jeden Morgen neu

Ein Beitrag von Merle Remler

Noch halb im Schlaf bin ich heute schon mitten im Trubel des Tages angekommen. Der Himmel draußen ist wie er ist, die To-Do-Liste lang – und das Chaos zwischen umgekipptem Kaffee und Marmeladenbrot perfekt. Nichts ist mit frischem, unverbrauchtem Morgen. Für mich ist er schon ziemlich benutzt, gebraucht und – vor allem bekleckert. Es ist so ein Morgen, an dem tief durchatmen nichts hilft. Auch nicht Eleganz und Humor. Die sind mir heute nämlich vollkommen abhanden gekommen. Doch dann finde ich mitten im von Kaffee durchweichten Papierstapel, den ich vorsichtig auseinanderziehe, um auch die unliebsamen Rechnungen zu retten, einen Zettel. Der war schon vergessen, wahrscheinlich bloß als Lesezeichen oder Merkzettel hier gelandet. Darauf steht, kaum lesbar:

„Die Güte des Herrn hat kein Ende, sein Erbarmen hört nie auf. Es ist jeden Morgen neu.“

Was für ein Satz! Als gelte er mir – gerade heute: Jeden Morgen neu. Nicht nur, wenn alles glattläuft – sondern gerade dann, wenn es das nicht tut. Wenn Sorgen mich drücken. Wenn ich schon beim einfachen Aufstehen scheitere oder vermassle, was gut gemeint war. Wenn der Kaffee umkippt, der Morgengruß misslingt oder der Ausrutscher vom vergangenen Tag mir noch in den Gliedern steckt. Gott sagt: Du darfst wieder anfangen. Heute. Jetzt. 

Selbst wenn der Start nicht perfekt ist, stellt Gott mich auf die Füße, mitten in meinem Chaos, und sagt: Ich bin schon da. Noch bevor du dich sortiert hast. Noch bevor du etwas leisten oder Dinge richtig machen musst.

Ich halte kurz inne. Der Satz leuchtet in mir nach. Langsam atme ich auf und habe dazu ein Lied im Ohr – von Rio Reiser: „Wann, wenn nicht jetzt und wo, wenn nicht hier? Wie, wenn ohne Liebe, wer, wenn nicht wir?“ Gott ist da – und ich bin es auch. Wann, wenn nicht jetzt? Jetzt bin ich wach, ich fange bei mir Zuhause an, wische den Kaffee auf, lege die durchnässten Zettel vorsichtig auf die Fensterbank – und spüre so etwas wie einen leisen Frieden.

Vielleicht ist das ja das Geschenk dieses Morgens: Nicht alles muss perfekt sein. Es genügt, dass ich da bin und Gottes Güte auch – leise, geduldig, jeden Tag neu, auch an einem bekleckerten Morgen.

 

Lit: Die Bibel, Klagelieder 3,22–23.