Eine gelbe Blume mit frostigen, glitzernden Kristallen steht zwischen grünem Gras. Der Frost gibt der Blüte einen besonderen Glanz, während das frische Gras im Hintergrund zu sehen ist.
24.03
2026
06:50
Uhr

Unverfroren

Ein Beitrag von Merle Remler

Unverfroren steht er da. Seit gestern Abend schon. Der Löwenzahn in meinem Garten, obwohl’s nachts noch ziemlich kalt ist. Er streckt sich, als wolle er sagen: 
„Jetzt reicht’s mit Winterjacke! Es ist Frühling. Es riecht nach Erde, nach gewaltigem Aufbruch. Ich wäre dann schon mal da!“ Viele solcher Zeichen gibt es:  

Auch die Spatzen waren heute lauter als der Wecker, und die Sonne hat mir schon in den Kaffee gewinkt. Der Frühling ist ungeduldig – wie ein Kind, das die Welt nicht abwarten kann.

Und ich? Ich stehe dazwischen. Zwischen warmen Pullovern und leichten Schuhen mit einer leisen Hoffnung und Sehnsucht. Zwischen Müdigkeit und Neuanfang.

In der Bibel, im Hohelied der Liebe heißt es: „Siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin. Es grünt und blüht, soweit das Auge reicht. Im ganzen Land hört man die Vögel singen; nun ist die Zeit der Lieder wieder da!“

Der Winter ist vergangen. Und wie jedes Jahr erwarte ich den Frühling, als sei’s zum ersten Mal. Und immer wieder ist es auch zum ersten Mal und wie ein kleines Wunder, wenn das Leben langsam auftaut. Wenn der Frühling wie ein freundlicher Nachbar kommt, ungeduldig an die Fensterscheiben klopft und fragt: „Na, bist du soweit?“
Und jedes Jahr – trotz allem - schafft es der Frühling, mir ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, wenn ich den ersten Löwenzahn entdecke. Das erste Mal Frühlingserde rieche, die Spatzen laut schimpfen höre. Mit ihnen kommt auch immer ein Stück Mut zurück, und der wird jetzt gebraucht.

Der Frühling bringt Zuversicht, ganz ohne Worte. Er zeigt, dass das Leben wieder grün werden kann. 

Und Gott? Der schaut dabei nicht bloß von oben zu. Er ist mittendrin im Aufblühen, im Warmwerden, Wachsen, im Neubeginn.

Unverfroren steht er da, der Löwenzahn. Da, wo man ihn erwartet und dort, wo man ihn kaum vermuten würde. Auf der Wiese, in Mauerritzen, zwischen Asphalt, unter Parkbänken und auf dem Grünstreifen. Ich nehme mir also ein Beispiel und trete heute unverfroren aus dem Haus – vielleicht noch mit einem warmen Pulli bewaffnet, aber auch mit einer großen Portion Lebensfreude und Hoffnung. Bleiben Sie auch heute ein bisschen unverfroren!