Eine Person hält einen alten Schwarz-Weiß-Foto in den Händen, das ein Kind zeigt. Im Hintergrund sind verstreute weitere Fotografien zu sehen, die Erinnerungen und Geschichten widerspiegeln. Das Bild vermittelt eine nostalgische Stimmung.
24.09
2025
06:50
Uhr

Mein Großvater hat sein Leben erzählt

Ein Beitrag von Thomas Steinbacher

Mein Großvater hat uns sein Leben erzählt. Er war 91 Jahre alt, und wir, seine Enkel, sind an jenem Wochenende extra nur zu diesem Zweck zu ihm hingefahren und haben ihn interviewt. Wir haben das Tonband eingeschaltet und dann haben wir ihn erzählen lassen - drei, vier Stunden lang. Die Aufnahmen, damals noch auf Kassetten, haben wir später digitalisiert, damit ja nichts verloren geht. Denn es war beeindruckend!

Unser Opa, der sich wochenlang auf diesen Termin vorbereitet hatte, hat geredet wie ein Buch: von seiner Kindheit in einem kleinen Dorf in Ostpreußen, vom ersten Weltkrieg, von seinen Lehr- und Wanderjahren als Müllerbursche...

Und dann die schlimme Zeit der Weltwirtschaftskrise, dann Hitler und der Krieg, die sowjetische Gefangenschaft, die Angst um Frau und Kinder, die sich auf der Flucht aus Ostpreußen alleine durchschlagen mussten, die Heimkehr aus der Gefangenschaft, das Leben in der DDR, der Tod seiner ersten Frau, unserer Großmutter, die zweite Ehe und vieles mehr! 
Wir sahen das 20. Jahrhundert aus dem Blickwinkel unseres Großvaters, wir erfuhren von den Irrungen und Wirrungen, von Glück und Unglück, von großen Sorgen und noch größerem Gottvertrauen.

Für uns, die Enkel, war das damals spannender als jeder Hollywoodfilm.
Indem unser Großvater sein Leben erzählte, hat er es dem Vergessen entrissen und hat uns einen Schatz weitergegeben, der wertvoller ist, als manches Erbstück.

Inzwischen habe ich selber erwachsene Kinder und sogar zwei Enkel. Ich werde ihnen diese Aufnahmen als Familienerbe weitergeben. Und vielleicht schon bald auch meine eigene Geschichte erzählen und aufzeichnen. 

Auch in der Bibel werden die Väter und Mütter immer wieder aufgefordert, ihren Kindern und Enkeln die Geschichten ihres Lebens und ihres Glaubens zu erzählen. 

Tatsächlich: Erinnern heißt leben. Woran man sich erinnert, das kann nicht mehr verloren gehen. Und für uns, die Nachkommen, ist es so wichtig, dass wir wissen, woher wir kommen, damit wir sehen, wohin unser Weg führen könnte.