Ein verschwommenes Selfie einer Person, die mit einer Hand ihr Gesicht teilweise verdeckt. Die andere Hand ist ebenfalls sichtbar. Im Hintergrund sind grüne Pflanzen zu erkennen. Die Bildkomposition vermittelt eine gewisse Unsicherheit oder Abwehrhaltung.
02.03
2026
06:50
Uhr

Scham als Kompass

Scham und Schuld sind einander nah verwandt.

Ein Beitrag von Hans-Joachim Ditz

„Uns steht die Schamröte im Gesicht.“ (Dan 9,7) Das sagt der Prophet Daniel. In einem langen Buß- und Bittgebet für das Volk Israel, das aus seiner Heimat vertrieben wurde und nun im Exil lebt, in Babylon. „Ja, Herr, uns steht die Schamröte im Gesicht, […] denn wir haben uns gegen dich versündigt.“ (Dan 9,8) In allen katholischen Messen wird heute dieser Text gelesen. Schließlich ist Fastenzeit. Zeit der Umkehr.

Die Fähigkeit, Scham zu empfinden, ist uns angeboren. Jede und jeder kennt dieses Gefühl, das so stark sein kann, dass man am liebsten sprichwörtlich „im Boden versinken möchte“. Scham und Schuld sind einander nah verwandt. Ich habe Mist gebaut, sozialen Normen nicht entsprochen. Und nun stehe ich da. Peinlich berührt. Den Blicken der anderen ausgeliefert. 

Und dann gibt es die, die schämen sich gar nicht. Für nichts. Kürzlich sagte Barack Obama, „tatsächlich scheint es unter denjenigen, die früher meinten, man müsse im Amt eine gewisse Anständigkeit, ein Gefühl für Korrektheit und Respekt wahren, keinerlei Scham mehr zu geben. Das ist verloren gegangen.“ Sie wissen schon, wen er damit meinte. Den Präsidenten der USA, der ein Video postete, das Obama und seine Frau Michelle als Affen darstellte.

Obama hat Recht: Scham ist ein Kompass für Anständigkeit. Wohin die Welt steuert, wenn sich niemand und insbesondere die Mächtigen vor nichts mehr schämen, das erleben wir gerade an vielen Orten. Und deshalb hat der Prophet Daniel recht: Ich muss mich nicht schämen, wenn es mir die Schamröte ins Gesicht treibt. Ich muss mich nur ändern