Eine Person hält ein großes Pappschild mit der Aufschrift: "HASS MACHT HÄSSLICH". Das Schild wird bei einer Demonstration oder Kundgebung präsentiert und vermittelt eine starke Botschaft gegen Hass und für Menschlichkeit.
02.06
2026
06:50
Uhr

Sie dürfen sich wieder setzen

Ein Beitrag von Matthias Drodofsky

Es ist doch ein großes Auf und Ab in der Kirche. Wer öfter in Gottesdiensten oder kirchlichen Veranstaltungen ist, kennt das: Beim Evangelium steht man auf, beim Gemeindelied sitzt man wieder. Dann steht man wieder auf zum Vaterunser.

Neulich war ich bei einer Veranstaltung, bei der genauso ein Moment der Verwirrung entstand. Einige standen schon, andere saßen noch. Manche schauten fragend nach vorn. Da sagte die Moderatorin einen schönen Satz ins Mikrofon „Sie dürfen sich wieder setzen“.

Ich hörte erst einmal etwas anderes. Nicht: wieder setzen. Sondern: widersetzen.

Und ich dachte: Ja. Genau. Was für ein guter Satz. Sie dürfen sich widersetzen.

Nicht nur sich wieder auf den Stuhl setzen. Sondern sich widersetzen. Gegen das, was Menschen klein macht. Gegen das, was Leben beschädigt. Gegen das, was ungerecht ist.

Denn das braucht es. Menschen, die sich widersetzen. Gegen Unrecht. Gegen Kinderarmut. Gegen Fremdenfeindlichkeit. Gegen Gewalt gegen Frauen. Gegen Mobbing. Gegen die gemeinen Sprüche, bei denen alle so tun, als sei es doch nur Spaß gewesen. Gegen Ausgrenzung, die sich manchmal ganz leise in den Alltag schleicht.

Sich widersetzen muss nicht immer groß und laut sein. Manchmal beginnt es mit einem einfachen Satz: „Ich sehe das anders.“ Manchmal beginnt es damit, jemanden einzuladen, statt auszuschließen. Jemandem zuzuhören, statt wegzuschauen. Eine Geste der Verbindung zu zeigen, wo andere Ablehnung zeigen. Und manchmal heißt sich widersetzen tatsächlich: sich zu jemandem setzen. Neben die Person, die alleine dasitzt. Zu dem Menschen, der gerade nicht dazugehört.

„Sie dürfen sich wieder setzen.“ Für mich klingt dieser Satz seitdem doppelt. Als freundliche Einladung zum Hinsetzen. Und als Ermutigung zum Widerspruch - wenn es nötig ist, aufstehen. Sich widersetzen. Und sich zu denen setzen, die Beistand brauchen.