Der Samstagmorgen vor fast fünf Monaten begann für viele Berlinerinnen und Berliner beinahe apokalyptisch: Stromausfall. Kein Licht. Keine Heizung. Kein Internet. Auch für mich. Ein Blick aus dem Fenster zeigte mir: Nicht nur meine Wohnung war betroffen. Die ganze Straße lag im Dunkeln.
Ich holte ein altes Kurbelradio aus dem Keller. Eines von diesen Geräten, bei denen man selbst drehen muss, damit es Strom bekommt. Und dann hörte ich in den Nachrichten: Es hatte einen Anschlag auf das Berliner Stromnetz gegeben.
An diesem Tag ging mir ein Lied nicht mehr aus dem Kopf. Der Berliner Rapper Prinz Pi rappt in einem Song über Westberlin sinngemäß: Wenn man zeitlich und örtlich das Gefühl hat, am Ende der Welt zu leben, dann lebt man vielleicht umso intensiver – und denkt erst recht nicht daran, wegzugehen. Das klingt erst einmal beinahe zynisch. Aber in solchen Liedern steckt bisweilen mehr als bloße Provokation. Hier wird die Angst nicht einfach weggeschoben. Sie wird verwandelt. Umgedeutet. Trotzig und frech zurückgesungen.
Wenn man zeitlich und örtlich das Gefühl hat, am Ende der Welt zu leben, dann lebt man vielleicht umso intensiver… An diesem Morgen im Januar fühlte sich diese Liedzeile seltsam nah an.
Nicht, weil die Welt wirklich unterging. Aber weil ich die Intensität des Moments vor meinen Augen sah. Denn nach dem Stromausfall gingen die Hilfsaktionen los, Nachbarn öffneten ihre Türen. Gemeinden wurden zu Wärmeorten. In der Krise wuchsen viele über sich hinaus.
Auch ein typisches Motiv im Rap: Da wird aus Angst Trotz. Aus Ohnmacht Energie. Aus Weltuntergang die Frage: Und was machen wir jetzt daraus?
Ich finde, das ist fast eine religiöse Frage. Glaube heißt nicht, dass die Welt immer sicher und stabil ist. Oder mir nichts Angst macht. Glaube heißt: Ich lasse mich von der Angst nicht regieren. Ich sehe, was bedroht ist. Ich nehme ernst, was zerbrechlich ist. Aber ich gebe die Hoffnung nicht preis. Und ja, es braucht genau diese Haltung. Nicht naiv. Nicht gleichgültig. Sondern wach und lebensmutig. So komme ich zurück in diesen Frühsommermorgen.
Frei nach dem Titel: „West Berlin“ von Prinz Pi von dessen Album „West-Berlin“ (2025), Keine Liebe Records distributiv by Sony Music Entertainment.