Eine Person sitzt in einer leeren, dunklen Ecke eines Raumes, umarmt ihre Knie und hat den Kopf gesenkt. Der Raum hat graue Wände und einen Betonboden. Die Person trägt einen gestreiften Hut und ist barfuß.
17.09
2025
06:50
Uhr

Unsichtbar

Ein Beitrag von Mathias Laminski

Vor ein paar Tagen erst saß ein junger Mann vor meiner Pfarrhaustür und bat darum, bei uns übernachten zu können. Ich kannte ihn. Ab und an kam er schon in unser Kirchencafé. Ein anderes Mal bat er mich, ihm eine Bibel zu schenken.

Nun wollte er irgendwo schlafen bei uns, egal wo. Ich sah, dass er Tasche und Rucksack bei sich hatte und auch zu essen. Mehr sprechen wollte er erstmal nicht, einfach nur einen Ort für sich…

Nach einem kurzen Wortwechsel bot ich ihm unseren Jugendraum für eine Nacht an. 

Interessanterweise hörte ich am anderen Morgen das Wort zum Tage hier im Radio. Da ging es am sogenannten „Tag der Unsichtbarkeit“ um Dinge und Menschen, die man nicht sieht und doch sieht…

Und eine Freundin schrieb mir dazu: „Jeder fühlt sich manchmal unsichtbar, nicht wahrgenommen von den Mitmenschen. Irgendwie passend zu dem jungen Mann, vielleicht fühlt er sich auch so…“

Dann fiel mir sogleich eine ältere Dame aus der Gemeinde ein, die mit mir vor kurzer Zeit noch auf Gemeindereisen unterwegs war und nun langsam immer mehr Probleme mit den Augen hat, auf dem einen Auge hat sie 5% Sehkraft, auf dem anderen 50%. Und dennoch denke ich, sieht sie oft mehr als ich, mehr als viele andere.

Was sehen wir und wie mit welchen Augen? Wen nehmen wir in unserer Umgebung wahr und wen nicht… 

Ich glaube, viel Einsamkeit in dieser Stadt entsteht genau deshalb. Es geht meist um Wahrnehmung oder andersherum, dass der oder die andere für mich unsichtbar bleibt. Jeder möchte doch wahrgenommen werden und keiner unsichtbar sein. 

Das Sehen und Gesehenwerden hat für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft einen unschätzbaren Wert.

Daher wünsche ich uns, dass wir alle einmal bewusst innehalten und genauer hinsehen können – nicht nur mit den Augen, sondern mit dem Herzen. Denn oft sind es gerade die stillen Momente der Aufmerksamkeit, ein freundlicher Blick oder ein offenes Ohr, die einen Menschen aus seiner Unsichtbarkeit herausholen können. Es kostet uns nichts, doch für den anderen kann es alles bedeuten.

Ich wünsche Ihnen allen einen gesegneten Tag!