Eine Person steht mit zusammengefalteten Händen im Vordergrund vor einem Regal mit vielen brennenden Kerzen. Die Kerzen erzeugen ein warmes, flackerndes Licht, das eine ruhige und besinnliche Atmosphäre schafft.
16.09
2025
06:50
Uhr

Wenn ich nicht den Herrgott hätte

Ein Beitrag von Mathias Laminski

Eine Dame hat Geburtstag, den 85. Ich rufe sie an und sage: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.

Sie darauf: „Wer ist die junge Stimme am anderen Ende?“ Ich darauf: „Ihr Pfarrer“.

Mit überschwänglichen Worten drückt sie Ihre Freude aus, dass ich sie anrufe. Ich wünsche ihr Glück und Segen. Sie ist nicht nur 85 geworden – das sei ja schon Grund genug zu feiern.

Sie hatte lange Krebstherapien hinter sich. Jedes Mal, wenn ich sie sie traf, lachte sie. Und ich sah zugleich, dass ihr ihre Therapien eine Menge abverlangt hatten. Aber dennoch kam sie, lachte und stellte viele Fragen. Nie ging es um sie, immer um andere. Nach Rückfragen erzählte sie dann auch von schweren Momenten und Tagen.

Nun, am Telefon, sagte sie schließlich, dass sie sehr froh sei. Erst vor kurzem hatte sie einen Blutsturz und Ärzte und Kinder hätten sich schon von ihr verabschiedet. Aber, so sagte sie am Telefon: „Der liebe Gott wollte mich noch nicht.“ 

Und so erzählte sie weiter: Wenn ich nicht meinen Glauben hätte, wenn ich nicht an das Leben, die Freude, die Zuversicht glauben würde, wäre ich sicher schon gestorben. Wenn ich nicht meine Kinder, meine Gemeinde und die Gemeinschaft hätte, dann wäre es mit mir schon zu Ende gewesen.

Es waren vielleicht nur 3-4 Minuten Gespräch, aber diese wenige Zeit strahlte sie eine Kraft, ein Leben aus, dass mich sehr überraschte, ja, mich fast überwältigte. Diese Frau, den Mann bereits verloren, krebskrank über lange Zeit, fühlte sich getragen von den Kindern, der Gemeinde, vom lieben Gott. 

Trotz allem sagte sie – und wollte damit wieder an den Festtagstisch zurück: Ich bin glücklich, dass ich alle Zeit habe und nur der Herrgott gibt mir alle Freude. Ich fühle mich getragen, ob es mir gut geht oder nicht.

Was für ein Zeugnis dieser alten Dame – und das in Berlin, wo alles immer so pessimistisch zu sein scheint und Negativnachrichten sich überschlagen.

Einen gesegneten Tag Ihnen allen!