„Ein barmherziger Mensch nützt auch sich selber; aber ein herzloser schneidet sich ins eigene Fleisch“. Dieser etwas rätselhafte Satz steht in der Bibel; Sprüche Kapitel 11, Vers 17. Rätselhaft, weil ich mir die Frage stelle: Worin könnte denn der Nutzen meiner Barmherzigkeit liegen? Vielleicht im Vorgriff darauf, dass ich auch mal in eine Notlage kommen könnte und dann sozusagen in eine Art vorauseilendem Kontoausgleich selbst milde Gaben zu erwarten hätte? Das wäre reichlich berechnend.
Oder ist es womöglich ein Befehl meiner Gene, wie mir mal ein Biologe klarzumachen versuchte? So, als habe sich Barmherzigkeit als Vorteil der Evolution herausgebildet, vielleicht um damit den Erhalt der Sippe zu gewährleisten?
Oder liegt die Antwort auf die Frage: warum bist du barmherzig? in der Tiefenpsychologie: Jemand wendet sich anderen zu, weil er von einem Helfersyndrom getrieben wird? Möglicherweise zu erklären aus einer tiefen Lebensangst, alleingelassen werden zu können?
Warum ist ein Mensch barmherzig? „Barmherzig“ ist ja ein altes Wort mit einem vielversprechenden Klang. So alt wie die ältesten Zeugnisse der Religion. Es klingt ein wenig wie „warmherzig“. Barmherzigkeit ist eine der Eigenschaften Gottes, neben Heiligkeit und Gerechtigkeit. Damit ist aber kein weichgespülter Kuschelgott gemeint. Denn der biblische Gott der Barmherzigkeit verpflichtet seine Gläubigen auch dazu, selbst barmherzig zu sein. Mehr noch: Erst wenn der Mensch sich als gnädig erweist, kommt er seiner göttlichen Bestimmung nahe.
Ein Mensch ist so göttlich, wie er barmherzig ist. Das ist, wenn man so will, der Nutzen der Barmherzigkeit für den Menschen. Dass er fähig ist, sich zu wahrer Größe zu entwickeln, indem er sich dem Schwächeren zuwendet. Die Kraft dazu kommt vielleicht gar nicht so sehr aus eigenem Vermögen, sondern eher durch den Anruf des Anderen, desjenigen, der Hilfe braucht.
Warum bin ich gut? Ich weiß es nicht, aber ich spüre eine religiöse Motivation zur Humanität. Und ich bewundere andere, die keinen religiösen Hintergrund haben und die trotzdem sozial enorm engagiert sind; und die so manchen Frommen in ihrer Hilfsbereitschaft für die Bedürftigen mehr als beschämen.