Wie klingt eigentlich Religion? Ein Blinder hat mir mal eine schöne Antwort auf diese Frage gegeben: Wenn sonntags die Glocken läuten, dann höre ich den Glauben. Er warte schon immer darauf und freue sich, wenn der Sonntagsgottesdienst sich von weitem in Erinnerung ruft. Wer nicht sehen kann, der schärft andere Sinne.
Kirchenglocken sind hierzulande die deutlichsten akustischen Anzeichen von Religion. Sie läuten sonntags und manchmal auch täglich um zwölf Uhr zum Angelus-Gebet. Nicht alle finden so ein Glockengeläut gut, zumal wenn es früh am Morgen ist, oder am Sonntagvormittag, wenn sie ausschlafen wollen.
Mehrfach haben schon Verwaltungsgerichte die Klagen von Anwohnern zurückgewiesen, die gegen das Läuten der Kirche in ihrer Nachbarschaft gerichtlich vorgehen wollten. Das Läuten „zwinge zu einer systematischen und stetigen Kenntnisnahme des christlichen Aufrufs zum Gebet“, machte ein Kläger geltend. Dadurch werde er „in seinem Recht auf Religionsfreiheit verletzt“.
Die Richter haben diese Argumentation nicht gelten lassen. Das sonntägliche Gebetsläuten sei eine zumutbare und allgemein akzeptierte Äußerung kirchlichen Lebens, jedenfalls dann, wenn es sich nach Zeit, Dauer und Lautstärke im Rahmen halte.
Ernsthafte Klagen gegen Glockengeläut sind glücklicherweise selten. Im Großen und Ganzen sind Glocken als akustisches Symbol von Religion hierzulande unumstritten. Vor allem natürlich in der Weihnachtszeit, wenn die Glöckchen besonders hell und süß klingen.
Aber Glockengeläut ist ja nicht nur ein Geräusch, sondern ein Kulturgut: Es versorgt den Alltag mit Stimmung, mit Bedeutung und mit Feierlichkeit. Der Theologe Romano Guardini, der vor dem Zweiten Weltkrieg an der Berliner Humboldt-Uni Vorlesungen hielt, sprach mit großer Bewunderung vom Glockenklang. Er sagte: „Wenn wir Glocken hören, dann fühlen wir die Weite. Wie ein Ausbreiten der Seele ist’s, ein Hinüberspannen, ein Antworten auf den Ruf der Unendlichkeit!“ (Romano Guardini, Von heiligen Zeichen, Grünewald Mainz 1985)