Eine nachdenkliche junge Frau sitzt mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen da. Sie hat schulterlanges, braunes Haar und trägt ein gestreiftes Oberteil. Die Umgebung ist unscharf, was ihre Konzentration und inneren Gedanken unterstreicht.
05.02
2026
21:58
Uhr

Die Kunst des Wartens

Ein Beitrag von Frank Küchler

Nicht selten bin ich ungeduldig. Ich will z.B. in Entscheidungssituationen möglichst schnell zur einer Antwort kommen. Vergesse aber dabei, dass manches in uns reifen muss. Und meine Erfahrung ist auch: Schnelle Antworten müssen ja nicht automatisch auch schon die besten sein.

Rainer Maria Rilke hat dagegen die Idee, ausgerechnet die Fragen lieb zu haben – die gefällt mir. Das setzt freilich voraus, dass ich auf der Suche bleibe. Und es setzt auch voraus, dass ich den Wert von Fragen zu schätzen weiß. Dass es nämlich gerade die Fragen sind, die mich weiterbringen. Der Preis ist, dass ich eine gewisse Spannung aushalten. In einem seiner Briefe an einen jungen Dichter schreibt Rilke: 

„Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind.“ (1) 

Weise erscheint mir auch Rilkes Hinweis auf die Geduld. Das griechische Wort für Geduld, das auch im Neuen Testament häufig verwendet wird, bedeutet so viel wie „darunterbleiben“. Also: Die Spannung meistern. Bleiben Sie also gespannt. 

Eine gute Nacht mit Gottes Segen!