Der Dichter Rainer Maria Rilke hat für Gott ein Bild gefunden, das mir erst einmal fremd ist. Gott - Ein uralter Turm! Der ragt aus der Erde, man kann ihn kaum übersehen. Aber er hat auch etwas Trotziges, Uneinnehm-bares an sich. Er kann wie eine Festung wirken. Rilke formuliert es so:
Ich kreise um Gott, den uralten Turm
und ich kreise jahrhundertelang;
und ich weiß noch nicht: Bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
Die Religionen dieser Welt scheinen mir dem Sturm zu gleichen, von dem da die Rede ist. Sie sind es, die den Turm schon für sich eingenommen haben. Oder gar in gewaltigem Sturm erobert haben.
Rilke dagegen findet sich am ehesten in dem Falken wieder. Er kreist und kreist und kreist. Aber der Dichter ist sich selbst nicht sicher. Mag sein, dass er müde geworden ist vom ständigen Kreisen.
Ich selber bin alles drei: Ein Falke, ein Sturm und ein großer Gesang. Der Falke steht für mich dafür, dass ich von Gott nicht loskomme. Weil ich Christ bin, gehöre ich einer Religion an. Und weil ich manchmal tief in mir eine beglückende Gewissheit spüre, singe ich Gott aus vollem Herzen mein Loblied.
Eine gute Nacht mit Gottes Segen!