Ich habe das Gedenken an den 100. Todestag des Lyrikers Rainer Maria Rilke für mich zum Anlass genommen, seine Gedichte wieder neu zu entdecken.
Rilke, 1875 in Prag geboren, war von Hause aus katholisch erzogen worden. Dennoch bleibt er lebenslang ein Gott-Sucher. Und er war einer, der – was Gott betrifft - keine Denkverbote kannte. Hier eine Kostprobe:
„Du Nachbar Gott, wenn ich dich manchmal in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, so ist’s weil ich dich selten atmen höre und weiß: Du bist allein im Saal. Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da, um deinem Tasten einen Trank zu reichen: Ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen. Ich bin ganz nah.“ (1)
Rilke denkt sich Gott als einen Nachbarn, der gleich nebenan wohnt. Auch er kennt das Allein-Sein. Und weiß auch, was Einsamkeit ist. Sein Gott ist also auch bedürftig und sehnt sich nach Zuwendung.
Klar: Das ist ein Gott, über den die Mächtigen, die Lauten und die Starken lachen. Aber wer empfindsam ist und auch das Leiden kennt (wie Rilke selbst), den stimmt es froh, dass sein Gott das menschliche Leben gut kennt.
Eine gute Nacht mit Gottes Segen!
(1)Rilke- Stundenbuch, Frankfurt am Main 1979, 6. Aufl. S. 13.