Ein nebliger Waldweg führt durch hohe Bäume. Am Ende des Weges ist ein sanftes Licht zu sehen, das eine mystische Atmosphäre schafft. Der Boden ist mit Gras und Laub bedeckt, wodurch eine ruhige und friedliche Stimmung entsteht.
21.02
2026
21:58
Uhr

Von der Nacht ins Licht

Ein Beitrag von Frank Küchler

Über das Leben vor dem Leben sprechen vor allem die Naturwissenschaftler. Aber auch der Dichter Rainier Maria Rilke weiß hierzu etwas zu sagen: 

„Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht, 

dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.“ (1)

Ein schöner Kunstgriff des Lyrikers! Und ja, das ist doch gerade das Schöne an der Kunst: Da ist vieles möglich. Hören wir also, was Gott dem Ungeborenen zu sagen hat: 

„Von deinen Sinnen hinausgesandt,

geh bis an deiner Sehnsucht Rand; 

gib mir Gewand. 


Lass dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken.

Man muss nur gehen: Kein Gefühl ist das Fernste. 

Lass dich von mir nicht trennen.

Gib mir die Hand!“

 

Rilke meint: Es gibt eine ganz urtümliche, ursprüngliche und ganz enge Verbindung von Gott zum Menschen. Daran scheint auch die durchgeschnittene Nabelschnur nichts ändern zu können. Und doch kann es zur Entfremdung kommen – wozu sonst der Appell: Lass dich von mir nicht trennen?! 

Was für ein Glück, dass Gott von sich aus dem Kontakt zu uns Menschen aufnimmt. Werbend, mahnend.  Doch auch zugleich zärtlich und besorgt – wenn Rilke Gott am Schluss sagen lässt: Gib mir die Hand. 

Eine gute Nacht mit Gottes Segen! 

(1)Rilke-Das Stundenbuch, Frankfurt am Main 1979, 6.Aufl. S. 48.