„Ich glaube an alles noch nie Gesagte. Ich will meine frömmsten Gefühle befrei‘n.
Was noch keiner zu wollen wagte, wird mir einmal unwillkürlich sein.
Ist das vermessen, mein Gott, vergib.
Aber ich will dir damit nur sagen: Meine beste Kraft soll sein wie ein Trieb,
so ohne Zürnen und Zagen,
so haben dich ja die Kinder lieb.“ (1)
Was Rilke hier verdichtet hat, das ist der Wunsch nach Einzigartigkeit, nach Originalität. Etwas schaffen, dass es noch nie gegeben hat, etwas sagen, dass noch niemand zuvor gesagt hat – ja, das wäre was!
Auch ich kenne diesen Wunsch aus meinen jungen Jahren. Und mir scheint, dieser Wunsch kommt auch heutzutage auf vielfältige Weise zum Ausdruck. Menschen, vor allem jüngere, wollen gesehen werden. Sie wollen Einfluss nehmen. Sich präsentieren. Sie wollen, dass man ihnen folgt. Auch, wenn das nur virtuell geschieht.
Aus der Sicht des Ältergewordenen sehe ich das gelassener. Ich weiß: Mich gibt es nur ein einziges Mal auf dieser Welt. Schon deswegen bin ich ein Original. Das macht auch meine Würde aus, die Gott mir damit verliehen hat. Ich kann also getrost darauf verzichten, aus mir ein Original zu machen. Eben weil ich es sowieso schon bin - sagt mir mein Glaube.
Eine gute Nacht mit Gottes Segen!
(1)Rilke-Das Stundenbuch, Frankfurt am Main 1979, 6. Aufl. S. 16.