(Vor dir ist Freude die Fülle – Lutherübersetzung)
Bei dir ist immer alles klein, mault mein Kind. Immer! Das finde ich so richtig doof. Kann es nicht auch mal anders sein?
Ich verstehe erst gar nicht, worum es geht. „Bei mir ist immer alles klein? Wie meinst du das?“, frage ich.
„Na, Du sagst immer: noch eine kleine Geschichte, noch einen kleinen Film, noch eine kleine Süßigkeit, noch einen kleinen Moment… es ist immer alles klein!“
Ertappt beiße mir auf die Lippen. Stimmt! Im Alltag und im hin und her aller Dinge, die man erledigen muss, sage ich das oft. Was Kleines passt noch rein. So meine Vorstellung.
Mit etwas Kleinem hält man Maß, etwas Kleines ist nicht so ungesund, etwas Kleines rutscht so durch alle Regeln und ist okay. Etwas Kleines kriegt man irgendwie hin.
Dass es meinem Kind auffällt, hätte ich nie gedacht. Dass es sich darüber beschwert, erst recht nicht. Ist doch toll, dass wir wenigstens was Kleines hinkriegen, habe ich bislang immer gedacht und merke jetzt, dass es aber auch armselig wirken kann. Arm an Freude, arm an Zeit, arm an Genuss. Dabei wünsche ich mir doch etwas ganz anderes.
„Dort wo du bist gibt es Freude in Fülle“ – ein Bibelwort aus einem Psalm/ Gebet aus dem Alten Testament. Ja! Die Fülle – wann habe ich aufgehört mit der Fülle zu rechnen, sie zu leben und zu genießen? Es ist doch gar nicht notwendig sich selbst im vorauseilenden Gehorsam zu begrenzen und klein zu machen. Fülle - finde ich, ist so ein schönes Wort: es klingt schon so als würde es überfließen und gar nicht alles hineinpassen. Und es gibt so viel was es im Übermaß gibt, wenn ich es denn sehen und spüren will. „In Hülle und Fülle“ sagen wir, wenn es von etwas viel zu viel gibt. Im übertriebenen Übermaß. Und der Volksmund weiß vom Glück, dass sich verdoppelt, wenn man es teilt und so weiter. Es ist also ein bisschen die das Märchen vom süßen Brei – wenn ich mich einmal drauf einlasse das Große, das Genug für alle, die Fülle, die ich, die wir doch haben zu sehen, dann hört es nicht auf. Dann werden, wie im Märchen alle satt, dann gibt es Gelegenheiten für ein großes Eis und eine lange Geschichte und, und, und. Im Märchen braucht es das Zauberwort. Der Beter in der Bibel erinnert an Gott: „Dort, wo du bist, gibt es Freude in Fülle“ – und welches Wort brauchst du um aus der Fülle zu leben?